Der Lokschuppen Selb ist weit mehr als eine Sammlung historischer Eisenbahnfahrzeuge. Der Modell- und Eisenbahn-Club Selb/Rehau e.V. – kurz MuEC – erhält auf dem Gelände der ehemaligen Bahnbetriebswerk-Außenstelle Selb Stadt historische Eisenbahninfrastruktur, Fahrzeuge und technische Einrichtungen. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei die Werks- und Industriebahnen Nordostoberfrankens und ihre enge Verbindung zur regionalen Porzellanindustrie.
Die Vereinsgeschichte reicht bis 1973 zurück. Damals schlossen sich Eisenbahnfreunde in Selb zusammen, zunächst noch mit einem starken Bezug zur Modelleisenbahn. Mit der Übernahme erster Originalfahrzeuge und der Arbeit am historischen Lokschuppen verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend auf die große Eisenbahn und die Bewahrung regionaler Eisenbahngeschichte.
Vom Eisenbahn-Stammtisch zum eigenen Fahrzeugbestand
Ausgangspunkt des MuEC waren regelmäßige Treffen von Eisenbahnfreunden, gemeinsame Exkursionen und der Austausch über Eisenbahntechnik und Fotografie. Ein entscheidender Schritt folgte 1977: Nachdem die Porzellanfabrik Heinrich in Selb ihren Gleisanschluss aufgegeben hatte, gelangte deren Werkslok als erstes Originalfahrzeug zum Verein.
1979 kam die Dampflokomotive 64 019 hinzu, 1980 folgten ein Güterwagen der Bauart G10 und ein Personenwagen der als „Donnerbüchse“ bekannten Bauart. Mit den Fahrzeugen begannen umfangreiche Restaurierungs- und Erhaltungsarbeiten. Seit den frühen 1980er-Jahren rückte die Arbeit an historischen Originalfahrzeugen und der Eisenbahninfrastruktur immer stärker in den Mittelpunkt.
Der heutige Lokschuppen entstand 1914
Der heute vom Verein genutzte Lokschuppen gehört zu den Anlagen des 1914 neu errichteten Bahnhofs Selb Stadt. Mit dem Bau der Nebenbahn von Selb nach Holenbrunn wurde das Bahnhofsgelände damals grundlegend umgestaltet. Am westlichen Ende entstand ein neuer Lokschuppen mit zunächst drei Ständen und einer vorgelagerten Drehscheibe.
Die Anlage wurde bereits kurz nach ihrer Inbetriebnahme erweitert. Ein vierter Lokstand kam hinzu, die Drehscheibe wurde mehrfach vergrößert und erreichte 1931 ihre bis heute vorhandene Länge von 16 Metern. Zur Lokbehandlung gehörten unter anderem Schlackengrube, Wasserkran, Kohleladebühne und ein Schrägaufzug für die Bekohlung.
Vom Bahnbetriebswerk zum Eisenbahnmuseum
Mit der fortschreitenden Verdieselung verlor die Anlage schrittweise ihre ursprüngliche Funktion. Die Dampfära in Selb endete 1974, die Bahnbetriebswerk-Außenstelle wurde 1976 aufgehoben. Genau in dieser Phase begann der MuEC, den Lokschuppen zu nutzen und vor dem Verfall zu bewahren.
Zunächst war das Gelände lediglich angemietet. 2002 konnte der Verein den Lokschuppen schließlich erwerben. Es folgte eine umfangreiche Sanierung. Seit 2005 präsentieren sich Lokschuppen, Stellwerk und Teile des historischen Geländes wieder in aufgearbeitetem Zustand.
Zum erhaltenen Ensemble gehören heute nicht nur das Gebäude und die Drehscheibe. Der Verein arbeitet auch an historischen Gleisanlagen, Lokbehandlungsanlagen und dem Stellwerk Selb Stadt Sf. Ein früheres Einfahrhauptsignal des Bahnhofs konnte ebenfalls erhalten und nach Aufarbeitung wieder auf dem Gelände aufgestellt werden.
Werkslokomotiven erzählen Industriegeschichte
Das Sammlungskonzept unterscheidet den Lokschuppen Selb von vielen klassischen Eisenbahnmuseen. Der Schwerpunkt liegt ausdrücklich auf Fahrzeugen mit Bezug zur heimischen Industrie und zur Eisenbahn in Nordostoberfranken. Allein neun Lokomotiven der Sammlung stammen nach Angaben des Vereins aus regionalen Industriebetrieben.
Das passt zur Wirtschaftsgeschichte der Region. Die Eisenbahn war für die Porzellanindustrie rund um Selb von erheblicher Bedeutung. Zahlreiche Betriebe besaßen eigene Gleisanschlüsse; einige Unternehmen verfügten zusätzlich über eigene Werkslokomotiven für den Rangierbetrieb.
Zu diesen Zeitzeugen gehört der sogenannte „Heinrich Bockel“. Die ehemalige Werkslok der Porzellanfabrik Heinrich war 1977 das erste Originalfahrzeug des MuEC. Sie wurde auf dem Fabrikgelände für Rangierarbeiten und die Übergabe von Güterwagen an die Bundesbahn eingesetzt und blieb nach der Übernahme durch den Verein betriebsfähig erhalten.
64 019 als großes Exponat des Vereins
Das auffälligste Fahrzeug der Sammlung ist die Dampflokomotive 64 019. Henschel baute die Einheits-Tenderlokomotive 1927. Ihre Einsatzgeschichte ist eng mit Nordbayern verbunden. Nach dem Ende ihrer Dienstzeit gelangte sie zum MuEC und wurde ab 1979 ehrenamtlich aufgearbeitet.
1989 konnte sie nach Abschluss wesentlicher Restaurierungsarbeiten wieder in klassischer Farbgebung mit schwarzem Kessel und rotem Fahrwerk gezeigt werden. Betriebsfähig ist die Lok heute nicht, sie ist jedoch rollfähig und wird bei Veranstaltungen auf der Drehscheibe präsentiert.
Dieselloks, Elektrolok und historische Wagen
Die Sammlung beschränkt sich nicht auf Dampflokomotiven. Neben verschiedenen regionalen Werks- und Kleinlokomotiven gehören unter anderem die Kö 0181, Diesellokomotiven mit Bezug zu Kirchenlamitz, Röslau, Marktredwitz, Schwarzenbach und Arzberg sowie eine ehemalige Rosenthal-Werklok zum Bestand.
Eine weitere Besonderheit ist die historische Elektrolokomotive „Rehau“, die inzwischen mehr als 100 Jahre alt ist. Personen-, Güter-, Kessel-, Bierkühl- und Flachwagen sowie mehrere Rollwagen ergänzen den Fahrzeugbestand. Damit dokumentiert die Sammlung unterschiedliche Aufgaben von Staatsbahn, Werksbahn und regionalem Güterverkehr.
Seit 2024 wieder Eisenbahnbetrieb auf dem Vereinsgelände
Seit dem 1. April 2024 besitzt der Verein die Voraussetzungen für öffentlichen Eisenbahnbetrieb auf dem eigenen Gelände. Dafür mussten unter anderem Gleisanlagen und Drehscheibe geprüft sowie ein Triebfahrzeug einer Hauptuntersuchung unterzogen werden.
Für den Betrieb wurde die 1934 von Deutz gebaute Kleinlokomotive „Kirchenlamitz“ vorbereitet. Gleichzeitig qualifizierten sich Vereinsmitglieder für Aufgaben als Rangierer und Kleinlokführer. Damit können bei geeigneten Vereinsveranstaltungen auch Führerstandsmitfahrten angeboten werden.
Neue Halle schützt weitere Fahrzeuge
Ein aktuelles Großprojekt ist der Bau einer zusätzlichen Präsentations- und Depothalle. Ziel ist es, weitere historische Fahrzeuge dauerhaft vor Witterung und Vandalismus zu schützen. Das Projekt wird unter anderem durch Fördermittel und erhebliche Eigenleistungen des Vereins umgesetzt.
Im Mai 2026 konnten bereits erste Fahrzeuge in die neue Halle umgesetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt liefen die Ausbauarbeiten weiter. Für den Verein erweitert das Gebäude vor allem die geschützten Abstellmöglichkeiten und schafft langfristig bessere Voraussetzungen für Erhaltung und Präsentation der Sammlung.
Regionale Eisenbahngeschichte als Museumskonzept
Der MuEC verfolgt damit ein klar abgegrenztes Museumskonzept. Nicht eine möglichst umfassende Sammlung deutscher Eisenbahnfahrzeuge steht im Mittelpunkt, sondern die Geschichte der Eisenbahn, der Werksbahnen und der Industrialisierung im Raum Selb und Nordostoberfranken.
Lokschuppen, Drehscheibe, Stellwerk, Signale und Fahrzeuge bilden dabei einen gemeinsamen historischen Zusammenhang. Gerade der Bezug zwischen Bahn und Porzellanindustrie macht den Standort zu einem Beispiel dafür, wie stark Eisenbahn und industrielle Entwicklung in der Region miteinander verbunden waren.
Besuch im Lokschuppen Selb
Nach der aktuellen Angabe des Vereins ist der Lokschuppen jeweils samstags von 10:00 bis 15:00 Uhr für Besucher zugänglich. Das Vereinsgelände befindet sich im Bereich des ehemaligen Bahnbetriebswerks Selb Stadt. Die Zufahrt erfolgt über den Plößberger Weg.
Quellen und weitere Informationen
- Lokschuppen Selb / Modell- und Eisenbahn-Club Selb/Rehau e.V. – offizielle Website und Originalquelle
- MuEC Selb/Rehau – Vereinsgeschichte und Entwicklung der Sammlung
- MuEC Selb/Rehau – Museumskonzept und Ziele
- MuEC Selb/Rehau – Fahrzeugsammlung
- MuEC Selb/Rehau – Dampflokomotive 64 019
- MuEC Selb/Rehau – Aufnahme des Eisenbahnbetriebs auf dem Vereinsgelände
